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Der Kreuzbandriss – die häufigste Bandverletzung im Sport

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Dr. med. Mathias Himmelspach erklärt eine der typischsten Verletzungen von Sportler – vor allem Ski-Fahrer und Fußballer sind häufig davon betroffen – räumt mit Mythen auf und gibt praktische Tipps, wie man einem Kreuzbandriss vorbeugen kann. Er ist Chefarzt der Abteilung Sportorthopädie und arthroskopische Chirurgie am Tabea Krankenhaus der Artemed Gruppe.

Was ist ein Kreuzbandriss?

Der Kreuzbandriss – auch Kreuzbandruptur genannt – beschreibt den teilweisen oder kompletten Riss des vorderen, hinteren oder beider Kreuzbänder, die sich im Kniegelenk befinden.

Beide Bänder sind vor allem Stabilisatoren für alle Bewegungsabläufe in den Beinen: Sie halten das Kniegelenk bei typischen Bewegungen wie Laufen zusammen und federn gleichzeitig Stoßbewegungen durch Abbremsen sowie Rotationen des Knies ab. Kurzum: Sie sind in der Regel sehr belastungsfähig. Darüber hinaus übernehmen die Bänder mit ihren Mechanorezeptoren wichtige neuromuskuläre Funktionen für unsere Reflexsteuerung in Ober- und Unterschenkeln.

Wesentlich häufiger tritt ein Riss des vorderen Kreuzbandes auf: Meist in der Alterspanne von 15- 45 Lebensjahren, wobei Frauen häufiger betroffen sind. Meist sind abrupte Drehungen, plötzliche Richtungswechsel, Stürze auf das Knie oder starke Belastung bei Sprüngen oder Abbremsen der Auslöser.

Gerade beim Abfahrtsski werden die Bänder aufgrund der gebeugten Haltung beansprucht. Treten hier abrupte, unkontrollierte Krafteinwirkungen auf, die zur Drehung oder Überspannung führen (z. B. beim Verkanten der Ski), reißt das vordere Kreuzband.

Eine Ruptur des hinteren Kreuzbandes ist sehr viel seltener. Zum einen ist das Band sehr viel robuster als das vordere, zum anderen bedarf es aktiver Krafteinwirkung, damit es reißt.

Typisch für die vordere Kreuzbandruptur ist das akustische Knacken beim Zustandekommen der Verletzung – gefolgt von starken Schmerzen, nicht zuletzt wegen der überreizten Motoneuronen. Die Patienten erleben das Gefühl, als hätte sich das Knie im Verhältnis zwischen Ober- und Unterschenkel verschoben.

Wie stelle ich einen Kreuzbandriss fest?

Ein erster Test in der Anamnese ist der sogenannte „Lachman-Test“: Lassen sich Ober- und Unterschenkel stärker als normal verschieben? Weitere Anzeichen sind eine Schwellung sowie das Gefühl von Kontrollverlust über die Belastung des Knieapparats, typischerweise ausgedrückt in Unsicherheiten bei normalen Bewegungsabläufen wie Gehen, Setzen etc.

Sicherheit verschafft das MRT als bildgebendes Verfahren für Diagnose.

Wie wird ein Kreuzbandriss behandelt?

Direkt nach dem Unfall gilt die PECH-Regel für erste Maßnahmen: sofortige Pause von sportlichen Tätigkeiten, mit Eis oder anderen Mitteln das Gelenk kühlen, das Knie anschließend mit einem Kompressionsverband stabilisieren und möglichst Hoch lagern im akuten Notfall.

Anschließend entscheidet sich im Einzelfall, welche Therapien eingeleitet werden sollten. Wichtige Faktoren für die Wahl zwischen konservativer oder operativer Therapie sind das Aktivitätsniveau (Sportler vs. Nicht-Sportler), das Vorliegen von Funktions- oder Stabilitätsbeschwerden sowie das Alter. Zum Beispiel: Ist der Patient 65 Jahre alt, treibt wenig bis keinen Sport und leidet unter keinerlei Krankheiten die Muskulatur und die Knochen sowie Gelenke betreffend, kann er womöglich leichter mit dem gerissenen Kreuzband weiterleben, als ein Leistungssportler von 25 Jahren.

o Physio-, Kälte- und Schmerztherapie sind im konservativem Spektrum das Mittel der Wahl. Hier sollte das Aktivitätsniveau reduziert werden und regelmäßige Kontrollen erfolgen.

o Bei Operation ist der Status quo die Kreuzbandplastik bzw. -rekonstruktion im arthroskopischen Verfahren: Der Arzt entnimmt meist eine körpereigene Sehne aus der Rückseite des Oberschenkels und ersetzt durch sie das gerissene Kreuzband. Anatomische Bohrkanäle und präzise Fixation sind entscheidend für den Erfolg des Kreuzbandersatzes.

o Die Nachbehandlung nach operativen Verfahren ist sehr wichtig: Die eingesetzte Sehne muss sich zum Band entwickeln (sog. Ligamentisierung) und die neuromotorischen Funktionen ausbilden. Dies kann bis zu 1,5 Jahren dauern.

Tipps & Mythen um den Kreuzbandriss

Auch wer einen Kreuzbandriss erlitten hat, kann Sport treiben: Übungen an Geräten im Fitnesscenter, die das Knie nicht belasten, sind ebenso möglich wie Fahrradfahren oder Schwimmen. Gerade bei Menschen mit hohem Aktivitätsniveau ist es mit Blick auf den trainierten Körper empfehlenswert, nicht abrupt mit dem Sport aufzuhören.

Es ist falsch, davon auszugehen, dass ausschließlich Muskulatur, Gewebe und Knochen im und um das Knie herum einen Kreuzbandriss fördern oder verhindern können. Die gesamten Bewegungsabläufe von Oberkörper bis zum Fuß sind ebenso entscheidend. Es empfiehlt sich deshalb vor allem für Sportler, ganzheitlich zu trainieren. CORE-Training ist eine der beliebten Methoden, um Stabilität von der Körpermitte aus aufzubauen. Mindestens genauso wichtig ist die Kräftigung der hinteren Beinmuskulatur.

Skifahrer und Fußballer sind die meistgefährdeten Gruppen. Für diese Sportarten gilt zur Prävention:

o Ausführliches Aufwärmen der Muskulatur und der Bänder.

o Keine sportlichen Herausforderungen ohne stufenweisen Aufbau der eigenen körperlichen Kompetenzen.

o Dynamisches Dehnen statt Tiefenentspannung in Dehnposen: Yoga ist ein Beispiel dafür, wie Muskeln und Bändern gedehnt werden, während gleichzeitig Kraft aufgebaut wird. Die dynamische Streckung von Bändern und Muskeln sollte der Status quo sein.

o Für die Skifahrer gilt: Skigymnastik ist Pflicht, Pausen zwischen den Abfahrten einlegen, auf die richtige Belastungstechnik achten und immer an der Sprungtechnik arbeiten, z. B. durch plyometrisches Training.

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